Badische Zeitung vom Mittwoch, 31. Januar 2007

Ersatzwohnungen statt Eigentum in Mieterhand Stadt will Haus an der Wonnhalde als Flüchtlingsunterkunft

Von unserer Mitarbeiterin Beate Beule

Der Brief hing monatelang im Hausflur. Schließlich hatten einige Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses Wonnhaldestraße 1 in der Wiehre auf dieses Signal fast 20 Jahre lang gewartet. Die Stadtverwaltung schrieb, dass sie sich den Verkauf des Gebäudes an die Hausgemeinschaft grundsätzlich vorstellen könne. Doch die Ernüchterung kam ein Jahr später. Im August 2005 teilte die Verwaltung mit, dass sie das Haus künftig als Flüchtlingsunterkunft nutzen will. Statt eines Verkaufangebots flatterten den Mietern Angebote für Ersatzwohnraum ins Haus.

Der Briefverkehr mit der Stadtverwaltung füllt inzwischen einige Ordner. Viele der heutigen Bewohner haben die Geschichte von Anfang an miterlebt. Sie wohnen seit den 80er-Jahren in einer der Wohngemeinschaften oder Zwei-Zimmer-Wohnungen. Schon damals war die Zukunft des Hauses ungewiss: Ein Immobilienmakler übernahm die Verwaltung von einer Erbengemeinschaft und kündigte den Verkauf an. Die Bewohner befürchteten, dass ein Privatinvestor wesentlich mehr Miete verlangen würde oder dass der günstige Wohnraum sogar durch Büros ersetzt werden könnte. Nach langem Hin und Her erwarb schließlich die Stadtverwaltung das Gebäude.

Das Sozial- und Jugendamt vermietet die Zimmer einzeln, die Bewohner haben ein Mitspracherecht. Die Struktur ist gemischt: Berufstätige, Studenten, Schüler und Arbeitslose leben in dem Haus. Bereits 1990 äußert die Hausgemeinschaft den Wunsch, das Gebäude kaufen zu wollen. Die Stadtverwaltung lehnte ab.

Inzwischen sind von den mehr als 20 Bewohnern nur noch elf übrig geblieben. Grund sind die Ereignisse der vergangenen Jahre. Nachdem die Hausgemeinschaft 2004 erneut ihre Verkaufsabsichten bekundet hatte und ein positives Signal von der Verwaltung bekam, ließ das Sozial- und Jugendamt frei gewordene Zimmer leer stehen. "Angeblich mit Rücksicht auf die Kaufverhandlungen" , sagt Holger Schatz. Doch für den promovierten Soziologen, der seit 15 Jahren in dem Haus lebt, ist klar: "Das ganze war nur Hinhaltetaktik." Mehr als ein Jahr habe die Hausgemeinschaft versucht, mit der Verwaltung über den Kauf zu verhandeln. 550 000 Euro haben die Bewohner für das ihrer Meinung nach stark renovierungsbedürftige Gebäude angeboten, finanzieren wollen sie das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Mietshäusersyndikat. Und sie wären bereit gewesen, das Angebot zu erhöhen, nachdem die Verwaltung mitgeteilt hatte, das Gebäude sei 200 000 Euro mehr wert. "Es war sicherlich nicht Ziel der Verwaltung, die Bewohner hinzuhalten" , beteuert Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. Vielmehr seien die Verzögerungen mit einer "inneren Unentschiedenheit" der Verwaltung zu erklären. Die Stadt habe schon länger vorgehabt, hier ein Flüchtlingswohnheim einzurichten. Dann allerdings sei der Bedarf nicht da gewesen. "Jetzt hat sich die Situation geändert" , erklärt Lamersdorf. Die Situation ähnelt einem Verschiebebahnhof Denn: Weil das Gebiet "Innere Elben" in St. Georgen neu bebaut wird, muss die Verwaltung die dort ansässigen Flüchtlinge anderweitig versorgen. "Das Ziel ist, die Flüchtlinge in eigenständigen Wohnungen unterzubringen" , sagt Lamersdorf. Bei einigen sei dies jedoch nicht möglich, so dass die Verwaltung in jedem Fall ein neues Wohnheim einrichten müsse. Außerdem: In den kommenden drei Jahren dürfe die Stadt wegen des Bürgerentscheids sowieso kein Wohngebäude verkaufen.

"Das Ganze läuft so behördlich ab" , sagt Wonnhalde-Bewohner Rudolf Wittemann (51): "Dabei geht es doch um Menschen." Die Situation ähnle einem Verschiebebahnhof: "Wir wollen uns nicht durch eine andere Bevölkerungsgruppe ersetzen lassen."

Die Hausgemeinschaft hofft, dass die unklare Situation bald ein Ende hat. Auch die Stadtverwaltung ist an einer Lösung interessiert. Kündigen kann das Sozial- und Jugendamt den Bewohnern nicht. Deshalb hofft sie nach wie vor, dass die Mieter freiwillig ausziehen. Denn eine Alternative für die Flüchtlinge, so Lamersdorf, gebe es noch nicht.